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Mimesis wird allgemein als „Nachahmung“ übersetzt. Nun gibt es aber auch immer die Möglichkeit, einen Begriff quer zu lesen und dessen Potenzial jenseits seiner tradierten Bedeutungszuweisung zu lockern.

Bei Adorno beispielsweise ist Mimesis als Figur der Vermittlung von Rationalität, Sinnlichkeit und ästhetischer Konstruktivität angelegt. Walter Benjamin wiederum schreibt wiederholt von der Fähigkeit von Kindern, Zugang zu einer schöpferischen Ebene von Mimesis zu haben, die Wahrnehmung und aktive Umgestaltung vereint, und die genau darin eine revolutionäre Kraft birgt. In der Beobachtung mimetischer Ausführungen lässt sich eine Weise der Erkenntnis ausmachen, die jenseits der „richtigen Antwort“ andere Möglichkeiten der Beziehung zwischen Bewusstsein und Realität entwirft, die im Grunde ein endloses Potenzial der Umgestaltung ist.

Was können diese Überlegungen nun für eine Ausstellung bereitstellen? Projektentwurf, erste Fassung, der im Folder des Kunstraums Lakeside vorliegende Text von Tanja Widmann, ist Vorgabe für die Ausstellung, die selbst als installative Erweiterung der Überlegungen verstanden wird. Sich in diesem Sinne ähnlich machen eröffnet eine komplementäre Perspektive auf die Effekte und Affekte, die das Mimetische im Denken auslösen kann.

Einige ausgewählte Texte aus Mary Kellys Postpartum Document (1976/77) bieten eine Art strukturierendes Gerüst für die einzelnen Teile der Installation. Wie gerade in diesen Texten ausgeführt, verhandelt Kellys Arbeit das Werden des Ichs im familiären Zusammenhang auch als Eintritt in die Sprache und damit als Ankommen in der normativen symbolischen Ordnung. Dass deren Schlüssigkeit mit Leerstellen und Brüchen ausgestattet ist, die sich gerade in den – beispielsweise psychoanalytischen – Instrumentarien dieser Ordnung offenbaren, wissen wir. Was aber könnte die erweiterte Figur der Mimesis in Bezug auf eine „Einnahme“ dieser Brüche ausrichten? Diese Frage lässt sich auf alle anderen Elemente übertragen. Mary Kellys Werk bietet demnach nicht nur einen der Ausgangspunkte sondern auch ein Reflexionsmoment für die anderen Teile der Ausstellung.

Constanze Schweigers abstrakte Malerei timid, kind and restless offenbart schon im Titel eine Verschiebung. Zunächst erscheint die Arbeit dennoch so, als ob sie in ihrem Beharren auf Autonomie der etwa bei Kelly angelegten analytischen und kritischen Setzung gegenüber steht. Vielmehr aber unterwandern die hier gegebene abstrakte Position sowie deren mimetische Aneignung die Gesetze der Ordnung.

Fetzenfische dagegen kommen wie ein platter Witz über die Tische. Sie führen Verfahrensweisen eines Formwerdens vor, das sich grundlegend relational und nicht-identitär gibt. Die Abbildungen dienen der Herausbildung eindeutiger Genealogien und verschwimmen doch vor dem Auge, zeigen sich nur noch als Form. Sie bestätigen so den systematisierenden Blick während sie ihn zugleich verweigern.

Letztendlich erschließt die Ausstellung sowohl die Überlagerungen als auch die Differenzen zwischen dem Sagbaren und Sichtbaren. Die Elemente der Installation werden in einer unabgeschlossenen Bezugnahme permanent abgewandelt. Sie durchspielen Strukturen des Bedeutens, treten in Beziehung, indem sie einander ähnlich werden und behaupten doch auch einen Abstand zueinander. Sie verweisen auf jenen Rest des Bedeutens, der in der Übersetzung nie aufgeht, und der das Verfahren der Mimesis doch ausmacht: als ein Lernen im Sinne seines Un-sinnes: Unlearning. Lernen von. Denn Mimesis vollzieht sich.

Tanja Widmann arbeitet als Künstlerin, Autorin, Kuratorin und unterrichtet an der Universität für angewandte Kunst, Wien. Gruppenausstellungen: lecture/audience/ camera (Muhka, Antwerpen 2008), Lectureperformancenight (Hebbel am Ufer, Berlin 2007), Blueblacksliding constellations und weiss (Kunstverein Bonn, Bonn 2007), Shandyismus. Autorschaft als Genre (Secession, Wien und Kunsthaus, Dresden 2007), the film as a page of victor hugo rewritten in the style of nerval (JET, Berlin 2007). Co-kuratierte Ausstellungen: Nichts ist aufregend. Nichts ist sexy. Nichts ist nicht peinlich. (Mumok, Wien 2008), Blick A, Blick B (Salzburger Kunstverein, Salzburg 2005/6), Dass die Körper sprechen, auch das wissen wir seit langem.* (Generali Foundation, Wien 2004). Regelmäßig Beiträge für Kataloge, Texte zur Kunst und springerin.

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Tanja Widmann
Sich in diesem Sinne ähnlich machen.
Kuratoren: Christian Kravagna, Hedwig Saxenhuber