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Forrest Bess
15.02.2020 – 03.05.2020

Eröffnung: Freitag, 14.02.2020 19:00 Uhr

Das Fridericianum zeigt die erste Ausstellung zum Schaffen des US-amerikanischen Malers Forrest Bess in Deutschland seit über 30 Jahren

Die Ausstellung im Fridericianum stellt das bemerkenswerte und ungewöhnliche Schaffen von Forrest Bess erstmals seit 1989 einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland vor. Durch die Präsentation von mehr als 70 Werken aus institutionellen und privaten Sammlungen wird der künstlerische Wandel von konventionelleren, gegenständlichen Formulierungen hin zu den sogenannten „visionären“ Malereien – den biomorphen Abstraktionen – dargestellt, die sein Hauptwerk bilden. Zudem wird durch die Integration ausgewählter Korrespondenzen sowie weiterer archivalischer Quellen die Biografie von Bess behutsam nachgezeichnet und zugleich Hintergrundinformationen zu seinen kunsttheoretischen Ansätzen, dem Umgang mit seiner Homosexualität oder seinen Theorien zum Hermaphroditismus geliefert. Dabei verdeutlicht die Beleuchtung von Leben und Werk, welche nicht zuletzt auch durch zeitgenössische Künstler*innen wie Tomma Abts, James Benning, Robert Gober, Richard Hawkins, Henrik Olesen oder Amy Sillman stark rezipiert wurden, die Relevanz, die Bess für die Gegenwart hat.

Forrest Bess: Leben und Werk

Der Maler Forrest Bess, 1911 in Bay City, Texas, geboren und 1977 ebendort verstorben, gilt als herausragende und schwer zu greifende Persönlichkeit der amerikanischen Nachkriegskunst. Sowohl sein Werk als auch seine Lebensführung entsprachen nur bedingt den damaligen Konventionen. So führte Bess ab der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre ein recht isoliertes Leben in der Bucht von Chinquapin bei Bay City, Texas, wo er sich als Fänger und Verkäufer von Fischködern betätigte. In dieser Zeit begann er systematisch, kleinformatige Bilder anzufertigen, anhand derer er seine Visionen festhielt, die er an der Schwelle zwischen Wachzustand und Schlaf erlebte. Diese Arbeiten, die er ab 1951 in einer gewissen Regelmäßigkeit ausstellte, zeigen Symbole, Formen und Räume, die sich nicht eindeutig dechiffrieren lassen und die im Bereich der biomorphen Abstraktionen verortet werden können. Für Bess manifestierten sich in den Bildwelten unterbewusste Erfahrungen und Erinnerungen der Menschheit. Dementsprechend betrieb er seine Auseinandersetzung mit ihnen wie eine intensive Forschungsarbeit. Er studierte Texte zur Mythologie, Kunstgeschichte, Psychologie und Sexualwissenschaft, die er in unzähligen Niederschriften und Korrespondenzen verarbeitete, ohne die Rätselhaftigkeit seines Schaffens jemals aufzulösen. Dabei gelangte er im Laufe der Zeit zu der Überzeugung, dass er durch die Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen Unsterblichkeit erlangen könnte. Während der 1950er-Jahre mündete sein Glaube schließlich in medizinischen Eingriffen an seinen Genitalien, durch die er versuchte, zu einem „Pseudo-Hermaphroditen“ zu werden.

Für Bess stand das künstlerische Werk in enger Beziehung zum Leben, welches in der umschriebenen Intensität und der spezifischen Eigenart als Unterscheidungsmerkmal zu Künstlern wie Barnett Newman, Jackson Pollock, Mark Rothko oder Clyfford Still angesehen werden kann, die wie er in der legendären Betty Parsons Gallery ausstellten. Aber nicht nur hinsichtlich dieses Gesichtspunktes lässt sich eine Differenz zu den heutzutage als Hauptvertreter des Abstrakten Expressionismus geltenden Künstlern ausmachen. Auch das intime Format von Bess’ Werken steht der Monumentalität der Gemälde seiner Kollegen gegenüber. Zudem sind die Arbeiten von Bess weder durch einen wiedererkennbaren Stil noch durch eine stringente Entwicklung geprägt. Wenngleich die Werke von Bess als Abstraktionen durchaus in den zeitgeschichtlichen Kontext passen, beschritt er mit seinen „visionären“ Bildern doch ganz eigene Wege. Dies hatte einen erheblichen Anteil daran, dass er für Generationen von nachfolgenden Kunstschaffenden als Referenzpunkt einzuordnen ist.

Nach seinem Tod erfuhr Bess insofern Würdigungen durch verschiedene institutionelle Einzelausstellungen. Den Anfang markierte 1981 eine Schau im Whitney Museum of American Art in New York, an die 1988 eine Wanderausstellung mit Stationen im Museum of Contemporary Art in Chicago sowie im San José Museum of Art in San José anschloss, die 1989 ihren Abschluss im Museum Ludwig in Köln fand. 2013 und 2014 folgte die Ausstellungstournee Seeing Things Invisible, die in The Menil Collection in Houston, im Hammer Museum
in Los Angeles, im Neuberger Museum of Art in Purchase sowie im Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive in Berkeley Halt machte. Zusammen mit der von Robert Gober initiierten Gegenüberstellung von Bess’ Texten und Werken im Rahmen der Whitney Biennial 2012 bildete diese Tournee den vorläufigen Höhepunkt der Rezeption dieses visionären Malers. Die Ausstellung im Fridericianum knüpft an die genannten Präsentationen an und aktualisiert erstmals seit 1989 die Rezeption des Werkes von Forrest Bess im deutschen Kontext.