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Als im Jahr 1950 der Krieg in Korea ausbrach, beging die südkoreanische Regierung eine Reihe von Massakern, die sich gegen die zivile Bevölkerung richteten. Diese Massenmorde, angeordnet durch den damaligen Regierungschef Syngman Rhee, sollten jene auslöschen, die verdächtigt wurden, den Norden zu unterstützen oder Verräter im Dienste der koreanischen Volksarmee zu sein. Wie und warum diese Menschen gestorben sind, bleibt bis heute unklar. 30 Jahre später, am 18. Mai 1980, gingen die Leute in Gwangju auf die Straße, um für Demokratie einzustehen. Das damals gerade erst in Kraft getretene Militärregime, angeführt von Doohwan Chun, stellte die Demonstranten fälschlicherweise als Kommunisten dar und orderte ein Massaker an. Erneut starben hunderte Menschen, tausende wurden verletzt.

Die südkoreanische Künstlerin Minouk Lim (*1968) beschäftigt sich in ihrer Arbeit genau mit diesen politisch wichtigen Wegmarken der koreanischen Geschichte, die gerne vergessen werden und noch weniger gerne aufgearbeitet werden. Auf Basis historischer und politischer Realitäten entwickelt Lim Installationen, Skulpturen, Videos und Performance-Arbeiten, die sich mit Südkorea und der Hauptstadt Seoul beschäftigen. Die Künstlerin entwickelt dabei eine Sprache, die das Wachstum des Landes, das in den letzten Jahrzehnten rasant vorangetrieben wurde, zu bremsen und einen Begriff anzuwenden versucht, der so eigentlich nur im Deutschen existiert: Vergangenheitsbewältigung.

United Paradox im Portikus konzentriert sich auf Minouk Lims neueste Arbeit Navigation ID (2014). Diese setzt sich mit den eingangs beschriebenen Massakern auseinander und versucht dabei, die Hinterbliebenen, die Familien der Opfer, einzubinden: Als Intervention und Performance war Navigation ID Teil der 10. Gwangju Biennale Burning Down the House im Jahre 2014. Dabei wurden zwei Frachtcontainer am Tag der Presseeröffnung von der anderen Seite des Landes auf den Vorplatz der Biennale transportiert. Darin befanden sich die Knochen jener, die in den 1950er Jahren bei den Massakern ums Leben kamen; ihre sterblichen Überreste waren von den verbliebenen Familien in Kleinstarbeit gesucht und eingesammelt worden. Die Lastwagen mit den Containern wurden von einem Bus mit den Hinterbliebenen und einem Krankenwagen begleitet, während ein Hubschrauber aus der Luft sowie Kamerateams auf dem Boden den Konvoi filmten und diesen „Trauermarsch“ auf der Webseite einer südkoreanischen Internetzeitung live übertrugen. Im Portikus wird nun zum ersten Mal eine auf dieser Performance beruhende Video-Arbeit auf einer Großleinwand zu sehen sein. Das Ausstellungsdesign adaptiert dabei in abstrakten Zügen den Aufbau eines Fernsehstudios, um auf die Notwendigkeit und das bisherige Versäumnis aufmerksam zu machen, darüber zu berichten, ergänzt von Skulpturen und installativen Arbeiten.

Indem sie eine dunkle Periode in der Vergangenheit ihres eigenen Landes anspricht, erinnert uns Lims Ausstellung an die Notwendigkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten der Auseinandersetzung mit Vergangenheit. In Deutschland weiß man das nur zu gut; zwar ringen wir darum, haben aber gelernt, unsere Geschichte öffentlich zu verhandeln und diskutieren. Minouk Lim lenkt unseren Fokus auf Südkorea und einen sensiblen Teil seiner Geschichte, der in der rasanten Entwicklung des Landes vergessen wird. Der Titel der Ausstellung illustriert dabei auf prägnante Art das eigentliche Paradox von Gemeinschaft – einer Gruppe von Individuen, die aus unterschiedlichsten und teilweise nicht selbst gewählten Gründen zusammen leben und zusammen Vergangenheit erleben mussten. Sie verbinden sich hier durch das Gefühl der Trauer, abstrakt ausgedrückt durch das Empfinden von Leere, eines ‚Lochs in der Brust’. United Paradox versteht sich als Ausstellung sowie als TV-Studio, aber auch als Ausgangspunkt einer Diskussion über die Bildung von Gemeinschaft.

Navigation ID ist in Kollaboration mit Dr. Sunghoon Han, Professor am Institut für Geschichte und Raumstudien der Yonsei Universität in Seoul entstanden. Vor seiner Lehrtätigkeit arbeitete Han für das koreanische Wahrheits- und Versöhnungskommittee. Die Produktion wurden außerdem von den Familien der Opfer aus unterschiedlichen Provinzen unterstützt, dem Mother’s House of May, sowie dem Gwangju Trauma Center.

Zur Ausstellungseröffnung wird Minouk Lim in Zusammenarbeit mit Dr. Han FireCliff 5, eine neue Performance als Teil ihrer FireCliff Serie (2010- heute) aufführen. Als ‚performatives Dokumentartheater’ befasst sich die Serie mit Lims kontinuierlichen Bemühen um Orientierung in einer Gesellschaft, in der das Unvergessliche gegen den Willen vieler vergessen wird. FireCliff 5, eine neue Umsetzung für den Portikus, verwandelt Lims Ausstellung als Bühne für ihre Performance, und zeigt die geschichtliche Grundlage von Minouk Lims Arbeit.

United Paradox ist die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin in Europa. Sie findet in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Wien statt, wo die Arbeit im Spätherbst 2015 als Teil der Gruppenausstellung Political Populism zu sehen sein wird.

Mit Unterstützung von Arts Council Korea. In Zusammenarbeit mit Kunsthalle Wien.