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Der Film „normal work” reinszeniert vier historische Fotografien der viktorianischen Hausangestellten Hannah Cullwick, auf denen diese Posen einnimmt, die verschiedene gesellschaftliche Positionen von Klasse, „Race” und Geschlecht durchqueren. Hannah Cullwick putzte nicht nur von früh morgens bis spät abends in verschiedenen Haushalten, sondern sie produzierte auch eine Reihe erstaunlicher inszenierter Fotografien, umfangreiche Tagebücher und Briefe. Diese Materialien inszenieren ihre Stärke, ihre Muskeln und ihre schmutzigen großen Hände – Verkörperungen von „Männlichkeit”, die offensichtlich direkt mit ihren Arbeitspraxen verbunden waren und auf die sie sehr stolz war. Hannah Cullwicks Porträts und Selbstporträts, die sie nicht nur als Hausangestellte, sondern auch in „Class Drag” oder „Ethnic Drag” zeigen, waren Teil eines sadomasochistischen Verhältnisses, in das sie mit Arthur Munby, einem Mann der bürgerlichen Klasse, involviert war. Interessanterweise waren es Elemente ihrer harten Arbeit im Haushalt, die das Material für die gemeinsamen SM-Szenen abgaben. Im Film sieht man der Performer_in Werner Hirsch bei dem Versuch zu, die Posen Hannah Cullwicks möglichst genau nachzuahmen. Werner Hirsch/Hannah Cullwick orientiert sich an seiner/ihrer Erinnerung, an einem Spiegel oder einem „Vorbild”, das nicht im Bild ist, oder an Anweisungen, die ihm/ihr ebenfalls von außerhalb des Bildraums zugerufen werden. Die historischen Fotografien werden mit dem Kontext gegenwärtiger Drag-Performances und Umarbeitungen von Zweigeschlechtlichkeit konfrontiert. Umgekehrt wird den zeitgenössischen Drag-Performances ein historischer Vorläufer beigestellt, in dem das Verhältnis von Sexualität und Arbeit verhandelt wurde. Wenn die Performer_in/ Hannah Cullwick von unterschiedlichsten Arbeiten berichtet, die er/sie getan hat oder tun möchte, wird deutlich, dass die Durchquerung der gesellschaftlichen Positionen nicht nur eine ermächtigende Fantasie ist, sondern – insbesondere in der gegenwärtigen Diskussion um Arbeit – einen Aufwand bedeutet, der mit der Drohung verknüpft ist, diese Durchquerung nicht (mehr) leisten zu können. Die Filminstallation „normal work” fragt, ob sich die Durchquerung der sozialen Hierarchien von Klasse, Geschlecht und „Race”, die Hannah Cullwick inszenierte und die sie offenbar begehrte, heute im Feld der Arbeit als paradoxe Anforderung verallgemeinert hat.

Filmmaterial: 16 mm Transfer auf DVD | Länge: 13 min, Loop | Darsteller: Werner Hirsch | Kamera: Bernadette Paasen | Tonmischung: Rashad Becker

Renate Lorenz arbeitet seit Beginn der 90er Jahre am Schnittpunkt von Visueller Kultur, Theorie und Politik, sie lehrt Kunst, Gender- und Queer Theory. Seit 1998 arbeitet Renate Lorenz an einem Forschungsprojekt, das „Arbeit” als queeres Politikfeld definiert und neben theoretischen Arbeiten auch Film und Ausstellung umfasst (mit B. Kuster, P. Boudry). Im letzten Jahr kuratierte sie „normal love. precarious work, precarious sex” im Künstlerhaus Bethanien, Berlin und gab den gleichnamigen Katalog heraus (2007, www.normallove.de). Zudem erschien die Publikation „Sexuell arbeiten – eine queere Perspektive auf Arbeit & prekäres Leben”.

Pauline Boudry ist Künstlerin und Musikerin. In ihren Filmen, Installationen und Videoarbeiten setzt sie sich mit der Beziehung zwischen Arbeit und Sexualität im postkolonialen Kontext auseinander. Zu ihren Videoarbeiten zählt die 2003 zusammen mit Brigitta Kuster und Renate Lorenz produzierte Dokufiktion „Copyme, I want to travel” zu deutsch-bulgarischen Arbeitsbeziehungen in Zeiten des Kalten Krieges. 2007 organisierte sie mit Renate Lorenz das Projekt „Normal Love” im Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Als Teil dieser Ausstellung entstand die Installation „normal work”. Mit ihrer Band „Rhythm King and her friends” hat sie zahlreiche Platten veröffentlicht.